Fokus

Wenn man auf der Pirsch ist, lernt man schnell: Wer zu viel sieht, sieht nichts. Der Blick verliert sich im Wald, wenn man nicht weiß, worauf man schauen will. Ein leises Rascheln, ein Windhauch – und schon ist der Moment vorbei. Fokus entscheidet.

Es ist nun einige Zeit vergangen. Zeit, in der viel passiert ist – schöne Dinge, aber auch solche, die fordernd und traurig waren. Das Leben hat eben getan, was es immer tut für die, die leben: es ist weitergegangen.

Anfang September hatten wir leider einen Todesfall in der Familie. Das hat mich wieder mit den fundamentalen Themen des Lebens und der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Statt auf Social Media war ich in dieser Phase nach innen gerichtet – einige Wochen fast ganz analog.

In dieser stilleren Zeit, in der ich mich intensiv mit meinen Gefühlen und Beweggründen beschäftigt habe, sind mir wieder viele Dinge aufgefallen. Man macht, und man denkt, man macht es gut. Das läuft manchmal länger, manchmal kürzer – und manchmal ein Leben lang. Doch dann passiert etwas, das die Routine stört. Und plötzlich fragt man sich: Was mache ich da eigentlich – und warum?
Solche Momente sind unbequem, aber sie sind ehrlich.

Für mich haben sich in den letzten Monaten zwei Dinge bestätigt:
Multitasking ist nichts anderes, als nichts richtig zu machen. Und Qualität geht vor Quantität.

Es liegt ja in der Natur der Sache, dass man nicht auf drei, vier oder fünf Dinge gleichzeitig fokussiert sein kann. Niemand kann mehreren Dingen gleichzeitig 100 % Aufmerksamkeit, Energie und Zeit schenken. Zeit ist begrenzt – Energie manchmal dehnbar, aber immer zu einem Preis. Diesen Preis zahlen wir selbst mit unserer Gesundheit oder unserem Wohlbefinden. Oder andere – durch unsere Abwesenheit, unseren Stress, unsere Unachtsamkeit. Und manchmal zahlt die Sache selbst, weil das Ergebnis einfach nicht so gut wird, wie es bei vollem Fokus sein könnte.

Natürlich gibt es Momente, in denen man mehrere Dinge gleichzeitig tun muss. Aber es hilft, sich bewusst zu machen: das kostet immer. Bewusstsein verändert nichts an der Realität, aber an der Haltung.

Seit ich jage, kenne ich das Konzept des vollen Fokus. Aber wirklich bewusst geworden ist mir seine Bedeutung erst in den letzten Monaten. Es ist eben ein Unterschied, ob man etwas weiß, oder ob man es wirklich verstanden hat.

Ein kleines Beispiel: Früher habe ich versucht, Spanisch zu lernen, während ich mit meinem Hund Alva spazieren ging. Das klang nach effizienter Zeitnutzung – war es aber nicht. Jetzt lerne ich lieber 10 bis 15 Minuten konzentriert und ausschließlich, statt 40 Minuten „nebenbei“. Das Ergebnis: Ich lerne mehr, und vor allem nachhaltiger. Und auch mit Alva läuft es besser. Sie merkt, dass ich beim Gehen zu 100 % bei ihr bin. Sie reagiert aufmerksamer, braucht weniger Korrekturen, und hört schon, bevor ich spreche. Weil sie spürt, dass ich präsent bin – nicht halb da und halb woanders.

Der Tag hat genug Zeit für alle wichtigen Dinge, die wir wirklich tun wollen. Wenn es sich anfühlt, als wäre nicht genug Zeit, dann liegt es meist an Ablenkungen. Fernsehen ist so eine – zum Glück fällt das bei mir weg, auch wenn ich dafür zwangsweise bezahle. Social Media ist eine andere. Wer meine Aktivität dort verfolgt, erkennt Phasen von mehr oder weniger Präsenz. Im Schnitt bin ich laut Handybericht aber weit unter einer halben Stunde pro Tag online. Der Rest gehört dem echten Leben.

Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht darum, da zu sein – wirklich da. Für das, was man gerade tut, für den Menschen, mit dem man gerade ist, oder für sich selbst.

Vielleicht ist das ja der Sinn von Fokus: nicht mehr Dinge gleichzeitig zu schaffen, sondern in dem, was man gerade tut, ganz zu sein.

Denn wer versucht, alles gleichzeitig zu machen, lebt am Ende in keiner seiner Welten ganz.

Und so wie auf der Pirsch: Nur wer den Blick ruhig hält, sieht, was wirklich da ist.

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