Warum Toleranz nicht moralisch ist – und Erinnerung wichtiger als Fortschritt

Der 25. Dezember beginnt für mich selten spät. Auch dieses Jahr nicht.

Kurz nach fünf war ich wach, kurz danach auf den Beinen. Ich habe gut geschlafen – und bin trotzdem mit einem schweren Thema aufgewacht.

Mit Gedanken an Menschen, die mich begleitet haben. Manche lange, manche nur kurz. Manche nah, manche eher aus der Distanz. Menschen, die mich geprägt haben – positiv wie negativ – und die nicht mehr leben.

Unmittelbar ausgelöst wurden diese Gedanken wohl durch das kürzliche Ableben von Chris Rea. Aber natürlich spielt auch ein familiärer Todesfall vor ein paar Monaten eine Rolle. Solche Dinge legen sich nicht einfach ab. Sie warten. Und manchmal kommen sie an stillen Feiertagen ungefragt zurück.

Die Gedanken wollten nicht verblassen. Im Gegenteil.
Mehr und mehr Verblichene tauchten auf: aus der Familie, dem Freundeskreis, aus meiner Jugend. Idole. Anti-Idole. Menschen, die Vorbilder waren – und solche, die mir gezeigt haben, wie man Dinge auf keinen Fall machen sollte.

Ich blieb aber nicht beim Verlust stehen, sondern bei der Wirkung. Bei der Frage, was diese Menschen in mir hinterlassen haben. Wie sie mich mitgeformt haben. Manche durch ihr Vorleben. Manche durch ihr Scheitern. Und mir wurde wieder einmal klar: Man kann von allem lernen – solange man reflektiert genug ist und niemanden auf ein Podest stellt. Auch Tote nicht.

Die Stadt war noch leer, als ich kurz vor sechs durch Salzburg gegangen bin. Fast menschenleer. Also habe ich meine tägliche Runde spontan verlängert. Aus sieben Kilometern wurden elf. Zwei Stunden unterwegs. Und ungefähr bei der Hälfte der Strecke wechselte das Thema.

Nun drangen Gedanken über Toleranz in den Vordergrund. Über die These, dass Toleranz die letzte Tugend sei, die eine Gesellschaft vor ihrem Niedergang entwickelt. Weil sie – so die Argumentation – zwangsläufig dazu führt, dass eine Gesellschaft sich selbst aufgibt, sich assimiliert oder von einer anderen mit völlig anderen Werten verdrängt wird.

Und über einen zweiten, unbequemeren Aspekt: Dass ein toleranter Mensch nicht automatisch ein guter Mensch sein muss.

Denn echte Toleranz bedeutet nicht, dass ich meine Werte ändere. Sie bedeutet, dass ich Dinge aushalte, obwohl ich sie ablehne. Man kann tolerant sein – und gleichzeitig innerlich voller Abneigung. Ein toleranter Mensch kann also auch ein Opportunist sein. Oder ein Heuchler.

Ein überzeugter, konservativer Katholik kann entschieden gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare sein – und sie dennoch tolerieren. Nicht, weil er sie gut findet. Sondern weil er sie aushält.

Und damit bin ich bei der nächsten Frage gelandet: Wer entscheidet eigentlich, was tugendhaft ist?

Die Mehrheit?
Eine „gebildete“ Minderheit?
Einige wenige, die sich selbst die Deutungshoheit geben – oder denen sie von anderen überlassen wird?

Reicht es, einer Gesellschaft lange genug, oft genug und überzeugend genug zu vermitteln, was richtig und gut ist, bis eine Mehrheit es übernimmt?

Es gibt keine oberste Instanz, die das entscheidet. Und oft richten spätere Generationen über frühere. Das ist bequem – aber nicht fair. Denn zehn, hundert oder tausend Jahre später wissen wir nicht mehr, wie es wirklich war. Werte verändern sich. Sie entwickeln sich vor – und manchmal auch wieder zurück. Viele Bewegungen hatten später Gegenbewegungen, die nicht minder erfolgreich waren.

Ein letzter Gedanke: In vielen westlichen Kulturen waren es über lange Zeit vor allem ältere Männer, die definiert haben, was tugendhaft und erstrebenswert ist. Und immer gab es Spannungen mit den nachfolgenden Generationen.

Ich habe mich gefragt: Was haben eigentlich die Rockidole der 60er, 70er und 80er vorgelebt? Sex. Drugs. Alkohol.

Wie viele Opfer hat diese Haltung, vor allem von jungen Idolen vermittelt, gefordert? Damals – und in den Generationen danach?
Wie viele Kinder wurden mit Beeinträchtigungen geboren, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft konsumiert haben? Wie viele Biografien wurden beschädigt, weil „Freiheit“ mit Maßlosigkeit verwechselt wurde? Vielleicht sind die Revolutionen der Jungen auch nicht immer das Gelbe vom Ei.

Nach dem Spaziergang bin ich nach Hause gekommen. Und habe etwas getan, das für mich inzwischen ebenso ritualisiert ist wie der morgendliche Gang durch die Stadt. Ich habe Weihnachtsspeck gegessen. Speck, den ich selbst gemacht habe. Aus selbst erlegtem Wild. Seit ich Jäger bin, gehört das für mich zu Weihnachten dazu.

Auf dem Foto sieht man diesen Speck. Und ein Messer. Das Messer stammt von einem guten Freund. Er ist vor rund 15 Jahren gestorben. Viel zu früh. Mit nur 34 Jahren. Leukämie.

Jedes Mal, wenn ich dieses Messer benutze, denke ich an ihn. Nicht traurig. Sondern dankbar. Für das, was er mir beigebracht hat. Für das, was geblieben ist.

Vielleicht ist das die versöhnliche Perspektive dieses Tages:

Tugenden entstehen nicht durch Mehrheiten und nicht durch Moralpredigten.
Sie entstehen durch gelebte Konsequenzen.
Durch Menschen, die etwas hinterlassen – selbst dann, wenn sie längst nicht mehr da sind.

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